Das ganze Leid - wo ist da Gott?

By Christine

Um Leid und Ungerechtigkeit drehten sich bei unserer Umfrage im November 09 die meisten Fragen, die Beuth Studenten Gott stellen. Einen Denkanstoß gibt diese Kurzgeschichte:

Das lange Schweigen

Am Ende der Zeit standen Milliarden Menschen verstreut auf einer großen Ebene vor Gottes Thron. Die meisten wichen vor dem gleißenden Licht vor ihnen zurück. Ein paar Gruppen jedoch, die weit vorne standen, redeten hitzig miteinander – nicht voll unterwürfiger Beschämung, sondern voller Streitlust. „Kann Gott uns verurteilen? Was weiß er denn vom Leiden?“, begehrte eine vorwitzige junge Brünette auf. Sie riss sich einen Ärmel auf und zeigte eine eintätowierte Nummer aus einem Nazi-Konzentrationslager vor. „Wir haben Schrecken erduldet … Schläge … Folter … Tod!“ In einer anderen Gruppe schon ein schwarzer Junge seinen Kragen herunter. „Und das hier?“, fragte er und zeigte eine hässliche Strieme von einem Strick vor. „Gelyncht … für kein anderes Verbrechen, als dass ich schwarz bin!“ In einer anderen Gruppe stand ein schwangeres Schulmädchen mit verdrossenen Augen. „Warum sollte ich leiden“, murmelte sie. „Es war nicht meine Schuld.“ Weit über die Ebene verstreut standen Hunderte solcher Gruppen. Alle hatten eine Klage gegen Gott vorzubringen für das Böse und das Leidem das er in der Welt zuließ. Schön für Gott, dass er im Himmel lebte, wo alles lieblich und voller Licht war, wo es kein Weinen gab und keine Angst, keinen Hunger und keinen Hass. Was wusste denn Gott von all dem, was die Menschen in dieser Welt zu erdulden gezwungen gewesen waren? Gott führt ja ein ziemlich behütetes Leben, sagten sie. So schickte jede dieser Gruppen ihren Anführer vor, den sie auswählten, weil er am meisten gelitten hatte. Ein Jude, ein Schwarzer, ein Mensch aus Hiroshima, einer, der durch Arthritis furchtbar entstellt war, ein Contergan-Kind. In der Mitte der Ebene berieten sie miteinander. Schließlich waren sie bereit, ihre Argumentation vorzutragen. Sie war ziemlich clever. Ehe Gott qualifiziert war, als Richter aufzutreten, musste er erdulden, was sie erduldet hatten. Ihre Entscheidung war, dass Gott zu einem Leben auf der Erde verurteilt werden sollte – als Mensch! „Er soll als Jude geboren werden. Die Legitimität seiner Herkunft soll in Zweifel stehen. Gebt ihm etwas zu tun, was so schwer ist, dass selbst seine Familie ihn für verrückt halten wird, wenn er es versucht. Er soll von seinen engsten Freunden verraten werden. Dann soll er aufgrund falscher Anklagen vor einem voreingenommenen Gericht angeklagt und von einem feigen Richter verurteilt werden. Er soll gefoltert werden. Zuletzt soll er sehen, was es heißt, schrecklich allein zu sein. Dann soll er sterben. Und zwar soll er so sterben, dass kein Zweifel daran bestehen kann, dass er gestorben ist. Es soll eine große Schar von Zeugen dabei sein, die es bestätigen kann.“ Während jeder der Anführer seinen Teil zu dem Urteil beitrug, erhob sich aus dem Gedränge der versammelten Menschen ein lautes, zustimmendes Gemurmel. Und als der Letzte mit der Verkündigung seines Urteils fertig war, trat ein langes Schweigen ein. Niemand sagte mehr ein Wort. Niemand rührte sich. Denn plötzlich wussten alle, dass das Urteil an Gott bereits vollstreckt worden war.
Zitiert in John Stott: Das Kreuz, Zentrum des christlichen Glaubens, S.434-436

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